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In die Haut geschnittene Hilferufe

Tagesanzeiger 17.01.2002

Die Anzahl Jugendlicher, die sich absichtlich selbst verletzen, hat stark zugenommen. Fachleute klären nun Lehrer und Schüler auf.
Von Ursula Eichenberger
 
Lea (Name geändert) ist 16, geht in Zürich ins Gymi, spielt Schlagzeug und Badminton, liebt den Familienkater Rusti über alles, ihren Exfreund nicht mehr - und sich selbst seit einiger Zeit gar nicht. "Manchmal habe ich das Gefühl, es verblase mich", sagt sie. Sie redet schnell, verhaspelt sich häufig. "Geduld ist sicher nicht meine Stärke, aber mir reichts momentan ziemlich. Ich habe eine Stinkwut." Auf wen? "Eigentlich auf alles, vor allem aber auf mich."
 
Durchsichtig hell ist Leas Haut an der Innenseite ihres zarten Unterarms, fein durchzogen von blauen Adern und roten Narben. Alle paar Wochen nimmt Lea eine Glasscherbe und ritzt sich mehrere kleine Schnitte in den Unterarm. Warum? Nach langem Schweigen: "Das tut mir irgendwie einfach gut - auch wenn ich mich nachher immer irrsinnig schäme."
 
Eine neue Jugendkultur
Lea ist kein Einzelfall. Fachleute beobachten, dass die Zahl der Jugendlichen, die sich bewusst mit Scherben, Rasierklingen, Messern, Scheren, brennenden Zigaretten oder Feuerzeugen selbst verletzen, in den letzten ein bis zwei Jahren massiv angestiegen ist: "Das Phänomen hat sich drastisch ausgebreitet", sagt Hellmuth Braun-Scharm, Leitender Arzt am Zürcher Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bis vor kurzem seien Selbstverletzungen vor allem in Kombination mit schweren Depressionen oder Suizid aufgetreten. Inzwischen sei die Gruppe sich selbst Verletzender aber derart angewachsen, dass laut Braun-Scharm nicht alle "psychisch schwer gestört" sein können. Braun-Scharm spricht von einer "neuen Jugendkultur", die aber erst noch erforscht werden müsse.
 
Von einer "explosionsartigen Zunahme" des Problems spricht auch Leo Gehrig. Der Winterthurer Psychologe ist an zwei Gymnasien Lehrer- und Schülerberater und hat dort gegenwärtig mit 20 sich selbst verletzenden Jugendlichen zu tun. Betroffen sind zu achtzig Prozent Mädchen, "weil sie ihre Wut weniger nach aussen, sondern mehr gegen sich selbst richten", so der Psychologe. Das Phänomen beginnt nicht vor der Pubertät und kommt vor allem bei den 15- bis 20-Jährigen vor. Eine Erklärung des Phänomens sieht Gehrig darin, dass es für junge Menschen immer schwieriger wird, ihre Identität zu finden. Jugendliche könnten sich heute gar nicht mehr richtig von ihren Eltern ablösen, weil sich viele zu stark ihren Kindern anpassten. Beispielsweise dann, wenn sich auch der Vater die Haare bunt färbt oder die Mutter ein Piercing trägt. "Das macht es für die Jugendlichen schwierig, anders als die Alten zu sein", erklärt Gehrig, "sie müssen deshalb nach neuen Möglichkeiten suchen."
 
Mit Blutverlust Druck ablassen
Der Psychologe und Theologe Norbert Hänsli, der ein Buch zum Thema Selbstverletzungen geschrieben hat und bei der Jugendseelsorge Zürich arbeitet, spricht von einer "inneren Verletztheit, die sich äusserlich zeigt". Meist handle es sich um schwer enttäuschte Jugendliche, die erfahren haben, dass sie anderen nur misstrauen können "und Sicherheit nur im sich selbst Schneiden finden". Deshalb sei seine Hauptaufgabe als Therapeut, diesen jungen Menschen Halt und Sicherheit zu geben, "oft kommt man dann in die Rolle einer Elternfigur".
 
Mit Selbstverletzungen wollen Jugendliche einerseits Aufmerksamkeit erregen und sich andererseits eine Erleichterung ihrer inneren Anspannungen verschaffen: "Wenn Blut fliesst, haben manche das Gefühl, Druck ablassen zu können", sagt Braun-Scharm, "das ist eine Art von Spannungsabfuhr." Unter den sich selbst verletzenden Jugendlichen sind viele so genannte Sinnspender-Kinder - das sind Kinder, deren Eltern laut Gehrig "vordergründig nett wirken", eigentlich aber enorme Erwartungen an ihre Kinder stellen: "Der Schmerz ist dann wie etwas Eigenes, das einem niemand wegnehmen kann", erklärt der Psychologe.
 
Jugendliche, die sich selbst verletzen, sind für ihre Umgebung eine grosse Herausforderung. "Man muss das Phänomen im Einzelfall ernst nehmen, denn irgendetwas ist schon los", sagt Gehrig. Im Rahmen von Schulklassen solle aber nicht dramatisiert werden, weil das sich selbst Verletzen ansteckend wirke. Charlotte Peter, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbandes und Sekundarlehrerin in Schwamendingen, warnt aber davor, das Thema "einfach stehen zu lassen". Ihre Erfahrung zeigt, dass "wellenartig ganze Schulhäuser befallen werden", sei der Nachahmungseffekt doch sehr gross. Da die Jugendlichen mit den Selbstverletzungen meist versuchten, "unauffällig auffällig" zu sein, habe sie die Betroffenen direkt auf ihre Verletzungen angesprochen und dann jeweils gefragt, ob sie das Thema im Klassenverband besprechen könne. Dieses Offenlegen ist laut allen Experten wichtig. Erschreckt hat Gehrig deshalb die Erzählung einer 15-jährigen Schülerin aus einer Aussengemeinde, die sich in der Stadt eine Selbsthilfegruppe gesucht hat. Das findet er deshalb gefährlich, weil sich so eine "exklusive Clique" bilde, die untereinander Zusammenhalt sucht und sich nach aussen abschliesst: "Als Erwachsener kann man diese Gruppen kaum wahrnehmen und nicht auf die Probleme reagieren, was zu einer weiteren Entfremdung führt."
 
Wie schwierig diese Kluft zu überwinden ist, beschreibt auch Lea: "Reden ist doch sowieso zwecklos. Wer versteht mich denn schon, wenn nicht mal ich selbst?" Um diesem Thema mehr Gehör zu verschaffen, halten Fachleute wie Leo Gehrig und Norbert Hänsli in den nächsten Wochen Vorträge an Schulen. Damit, so Hänsli, manchen Jugendlichen nicht mehr nur dann geholfen wird, wenn sie das "Grenzorgan zwischen Innen und Aussen - die Haut - fühlbar machen".
 

Quelle: http://tagesanzeiger.ch/ta/taZeitungRubrikArtikel?ArtId=155611&ausgabe=2046&archive=t, 20.04.2002
online nicht mehr verfügbar
 

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