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Phänomen Selbstverletzung

Sie ritzen sich mit Scherben in die Haut, schneiden sich mit Rasierklingen oder Messern tiefe Wunden oder verbrennen sich mit glühenden Zigaretten. Für die allermeisten von ihnen hat das nichts mit Spaß, Lust oder Mode zu tun. Wer sich selbst verletzt, ist oft krank und braucht dringend psychotherapeutische Hilfe. Betroffen sind vor allem Mädchen.
 
Eine Reportage: Kristin
Interview mit Dr. Eberhard Wilke von der Curtius-Klinik in Malente
 
Infos und Links
 
Kristin
"Es ist, als wenn ich unter Strom stünde. Es ist eine Mischung aus Zerbrechen, Sich-Auflösen, Auseinanderfallen. Für mich gab es lange nur eine einzige Möglichkeit, aus diesem Strom rauszukommen, mich zu schneiden, mit diesen klaffenden, tiefen Wunden. Ich bin sehr erstaunlich, ich blute ziemlich wenig, trotz der Schwere der Verletzung. Aber das Blut hat mich ungeheuer erleichtert. Am Anfang war da ein kurzer Schmerz, aber der hat mich nicht gehindert. Ich weiß inzwischen auch, woran das liegt. Ich kann es nur noch nicht lösen."
Woran? Kristin zögert. Dann gibt sie sich einen Ruck, richtet den Blick in die Ecke vom Zimmer und zählt auf: "An einer Mutter, die mich nur gehasst hat und mich zerstören wollte. Einem Bruder, der mich missbraucht hat. Einem Vater, für den ich ein Leistungstier war. Ich bin hochbegabt und brachte immer nur Einsen mit nach Hause, aber über mich hielt er ein Damoklesschwert und sagte immer wieder: "Wenn es nur eine Zwei ist, schlage ich dich!" Für Kristin als Kind gab es nirgends eine Anlaufstelle, niemand, mit dem sie reden konnte: "Ich war mein Leben lang völlig vereinsamt", sagt sie, "und niemand gab mir das Gefühl: Hej, du bist erwünscht, du bist gemocht." Ein harter Brocken. "Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, sonst säße ich nicht hier", sagt sie, und ihre Augen glänzen.
Hier, das ist eine psychotherapeutische Klinik, in schöner Umgebung, ein Ort, um intensiv an sich zu arbeiten. Vieles, was sonst den Alltag prägt, spielt hier keine Rolle, andere Dinge sind wichtig. Draußen vor dem Balkon zanken sich kreischend zwei Möwen. Kristin steht auf, geht ans Fenster und sieht hinaus. "Mein Kellersee", sagt sie verträumt und fast zärtlich. "Er hat mir schon ganz, ganz oft die Haut gerettet." Ganz wörtlich: Die Haut. Oft, wenn sie mal wieder das Gefühl hat, alles in ihr löst sich auf, fällt auseinander, zerbricht und setzt sie unter Strom, geht sie hinaus und schwimmt. Viele, viele Kilometer: "Sicher hundert, vielleicht auch mehr. Gerade, wenn es eng wird, ist das ein super Ventil."
Ohne Therapie hätte sie das nie entdeckt, sagt Kristin. "Ich weiß, dass man das alleine nicht in den Griff bekommt. Neulich sagte eine Freundin, eine, die sich auch schneidet: ‚Scheißegal, ich zieh das jetzt durch, bis ich die Nase voll davon habe.' Der habe ich nur gesagt: ‚Das kannst du knicken. Du hast die Nase nie voll davon.' Ich hab mich am Ende phasenweise täglich, manchmal sogar zweimal am Tag verletzt. Das ist eine Sucht."
 
Interview mit Dr. Eberhard Wilke von der Curtius-Klinik in Malente

Gibt es harmloses Sich-Selbst-Verletzen?
Ja. Zum Piercing und auch zum Tätowieren gehört ja oft ein bisschen Lust am Schmerz. Diese Formen sind meistens nicht Zeichen für eine Krankheit, sondern schlicht Mode. Es gibt auch Schnippler, die ein bisschen auf der Haut ritzen, weil sie es spannend finden, wenn Blut fließt. Aber es gibt eben auch Mädchen, die das Verletzen benutzen, um ihre innerseelische Situation zu steuern. Dann sprechen wir von Selbstverletzendem Verhalten. Dahinter steht in den meisten Fällen eine Persönlichkeitsstörung.
 
Wie kann man das unterscheiden?
Man sollte sich fragen: Mache ich das spielerisch, oder ist das ein Vorgang, nach dem ich mich sehne, der mich entlastet und ohne den ich nachher nicht mehr leben kann? Selbstverletzendes Verhalten wird ja eine Art Sucht. Man macht es immer und immer wieder, um die innere Leere auszugleichen oder um eine starke Aggression abzubauen. Wenn man merkt - ich brauche das, ich kann ohne das nicht mehr leben - dann wird es gefährlich.
 
Was soll man dann tun?
Einen Menschen aufsuchen, der von dieser Krankheit etwas versteht - einen Arzt, einen Psychologen oder Psychotherapeuten. Leider kennen nicht alle Ärzte diese Krankheit. Für viele ist das noch eine ziemlich fremde Sache, so ähnlich wie vor zehn Jahren die Essstörungen.
 
Ist die Krankheit neu?
Nein, Selbstverletzendes Verhalten hat es schon immer gegeben - aber es nimmt zu. Wir wissen nicht, warum.
 
Wer ist betroffen?
Mädchen aus allen Schichten.
Selbstverletzendes Verhalten hat auch nichts mit Intelligenz zu tun, es kann jede treffen. Die Krankheit entsteht häufig in der Pubertät, wo es ja stark um die Frage geht: Wer bin ich? Am häufigsten bricht sie im Alter zwischen 15 und 25 Jahren aus.
 
Warum nur bei Mädchen?
Jungen nehmen die Dinge nicht so nach innen, sondern tragen sie nach außen aus. Wir erleben sogar, dass die Brüder von den Mädchen und jungen Frauen, die zu uns kommen, im Knast sitzen, weil sie etwas ausgefressen haben. Sie verletzen nicht sich selbst, sondern andere.
 
Wie kommt man dazu, sich selbst zu verletzen?
Patientinnen erzählen, dass sie sich manchmal erleben wie einen Dampfkessel; da ist immer mehr Druck, und da ein Überdruckventil, das ist das Schneiden. Bevor sie völlig explodieren oder sich umbringen, schneiden sie sich. Sie sagen, dass es für sie in dem Moment das einzige Mittel ist, um die innere Spannung auszuhalten. Dahinter steckt eine große Portion Selbsthass und das Problem, die eigenen Gefühle und den eigenen Körper nicht spüren zu können. Viele fühlen sich wie betäubt. Das Eigenartige ist, dass bei manchen dieses Sich-Selbst-Verletzen für eine Zeit wie eine psychische Erlösung wirkt.
 
Aber das tut doch weh!
Der Schmerz ist für viele gar nicht so schlimm. Wenn sie sich schneiden, stehen sie unter einer so ungeheuren seelischen Spannung, dass sie den Schmerz kaum spüren. Aber die Patientinnen erzählen, dass in dem Moment, wo das Blut fließt, die Entspannung da ist - dann löst sich etwas und fließt. Statt der Tränen, die sie nicht weinen können. Das Dumme ist, dass dabei echte Wunden entstehen und Narben, die nie wieder weggehen.
 
Wie entsteht Selbstverletzendes Verhalten?
Fast alle, die sich selbst verletzen, haben etwas Schlimmes, ein Trauma erlebt und sind dadurch unter eine starke Spannung geraten.
 
Was ist ein Trauma?
Es ist etwas Schlimmes, das auf dich zukommt und zwar plötzlich und unerwartet - und das du in der Kürze der Zeit nicht bearbeiten und bewältigen kannst. Zum Beispiel, wenn du auf der Straße stehst und auf nichts gefasst bist und plötzlich angefahren wirst. Man steckt das dann erst einmal weg. Man "vergisst" es, und es ist scheinbar gar nicht mehr da. Aber es ist trotzdem noch im Gedächtnis an einer entfernten Stelle gespeichert und entfaltet da eine ungute Wirkung - wie eine Eiterbeule, die scheinbar abgekapselt ist, aber den Körper krankmacht. Viele Patientinnen hier haben als Kinder sexuelle Übergriffe erlebt -auch das können Traumata sein.
 
Gibt es Menschen, die ein Trauma erleben und nicht davon krank werden?
Ja. Viele sogar. Ein Beispiels Menschen, die im Krieg waren, haben fast alle Traumatisches erlebt. Aber langst nicht alle sind krank geworden. Den meisten fällt es allerdings schwer, jemals wieder richtig glücklich und offen zu sein. Sie werden oft vorsichtig, zurückgezogen und schweigsam.
 
Was soll man tun?
Man sollte, wenn man ein Trauma erlebt hat, nicht schweigen und nicht denken, ich muss das jetzt vergessen. Man vergisst das nie, und es geht nur weg, wenn man drüber redet. Es lohnt sich auch, weil man sich danach besser fühlt.
 
Ist es möglich, mit selbstverletzendem Verhalten aufzuhören?
Natürlich! Wenn du eine Psychotherapie machst und dich einlässt, hast du eine echte Chance. Je eher man mit der Therapie anfängt, desto größer ist die Chance, die Sache in den Griff zu bekommen.
 
Das heißt, es macht Sinn, sich schnell Hilfe zu holen?
Ja. Jeden Monat, den du weitermachst, ist ein verlorener Monat und verschlimmert die Krankheit. Leute, die sehr früh in Therapie kommen, sind meistens auch sehr schnell davon weg.
 
Aber stempeln die anderen einen nicht als gestört ab, wenn man zum Psychotherapeuten geht?
Das muss natürlich jede für sich entscheiden. Ob sie ihren Leidensdruck, die innere Spannung ihr Leben lang weiter mit sich herumtragen möchte, weil sie Angst vor der Reaktion der Anderen hat - oder ob sie eine Therapie machen will, die Probleme angeht und offen darüber redet. Helfen können wir in der Psychotherapie ohnehin nur Menschen, die sich wirklich helfen lassen wollen. Aber es hat sich ja auch viel geändert. Früher galt eine Therapie als ehrenrührig, heute ist sie weitgehend akzeptiert.
 
Wie helfen Sie Ihren Patientinnen?
Wichtig ist das Gespräch. Wir versuchen, mit den Mädchen zusammen herauszufinden, wie sie das Sich-Selbst-Verletzen erleben. Sie machen das ja oft stumm und sprachlos. Und wir tasten uns zusammen mit ihnen an die Ursache heran. Das ist schwierig, weil hinter dem Trauma oft sexuelle Übergriffe von Familienmitgliedern und Menschen aus dem engsten Freundeskreis stehen - also von Menschen, die man liebt und von denen man gefühlsmäßig abhängig ist. Da ist es gar nicht so einfach, denen innerlich Vorwürfe zu machen oder sie anzugreifen. Daneben machen wir sehr viel Körper- und Bewegungstherapie, damit die Mädchen anfangen, ihren Körper wieder mehr zu mögen, und üben mit ihnen, die seelischen Spannungen abzubauen.
 
Wie lange dauert eine Therapie?
In der Regel zwei Jahre, manchmal auch vier. Ein Drittel der Patientinnen ist so schwer krank, dass wir ihnen nicht helfen können. Aber auch bei anderen Krankheiten haben Ärzte ja nicht immer Erfolg.
 
Sie haben gesagt: Drüber reden hilft. Wenn die Freundin sich schneidet - macht es dann Sinn zu bohren, warum sie das tut?
Bis zu einem gewissen Punkt. Wir erleben oft, dass junge Frauen sich einer Freundin geöffnet haben, und die besorgt sich dann die Adresse und bringt sie in die Klinik. Aber Freundinnen - und erst recht Familienmitglieder - sind überhaupt nicht geeignet, therapeutisch zu wirken.. Sie sind viel zu dicht dran. Also: Zuhören und Drüber-Reden ist gut, aber dann sollte man möglichst schnell einen Profi zur Hilfe holen.
 
Infos und Links
Erste Hilfe bei Selbstverletzendem Verhalten bietet Wildwasser e.V.. Wo in deiner Nähe eine Beratungsstelle ist, erfährst du unter 030 / 786 50 17 (montags und mittwochs 13 bis 17 Uhr, freitags 10 bis 13 Uhr).
 
Ein Ratgeber, der sich zwar eher an junge Frauen wendet, aber dennoch eine Fundgrube von Informationen und Tipps bietet: G. Smith, D. Cox, J. Saradijan, Selbstverletzung, Kreuz-Verlag, Februar 2000, ISBN 3 268 00253 6
 
Eine Liste mit Adressen von Kliniken, die bei selbstverletzendem Verhalten helfen: www.intra.ch/svv.html
 
Eine Homepage zum Thema mit Links und Chat-Forum: www.versteckte-scham.get-2.com

 

Originallink: http://www.dak.de/schuelernf/Psyche.doc, 27.05.2002
nicht mehr online verfügbar

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