|
* Startseite
über SVV
* Informationen
* Interview
* Fragen zu SVV
professionelle
Hilfe
* Wege zur Thera
* Adressen
* Therapieformen
* online-Hilfe
praktische
Selbsthilfe
* Ratschläge für
Angehörige
* Alternativen zu SVV
* Tipps
* Selbsthilfe
Austausch über
* Forum
* Chat
* Gästebuch
* e-Mail
* andere Foren
Erfahrungs-
berichte
* Betroffene
* Angehörige
* kreative Beiträge
Literatur
und Medien
* Bücher
* Medienberichte
* Internet
* SVV-Websites
* private Homepages
weitere
Aspekte
* Gedanken
* über diese HP
* SVV-Projekte
* Prominente
Organisatorisches
* Downloads
* Technisches
* Chronologisches
* Aktualisierung
* Danke
|
Mein Leben mit dem SVV
Anna, 17 Jahre
Geboren wurde ich am 23.09.1988 in Wesel. Meine leibliche Mutter war damals
16 oder 17 Jahre, sprich Blutjung und total überfordert mit ihrer
Mutterrolle. Tagsüber Schule und abends Party, so sah ihr Tagesablauf aus.
Sie konsumierte regelmäßig die verschiedensten Arten von Drogen – Heroin,
Hasch, Kokain, Exctasy. Mir die Windeln zu wechseln, mich zu füttern oder
mit mir zu spielen, da hatte sie nie Zeit für. Oft schob sie mich zu ihren
Eltern, den Eltern meines Vaters oder zu Verwandten ab. Wenn man’s so sehen
kann wurde ich rumgereicht wie eine BabyBorn Puppe unter kleinen Mädchen! Am
häufigsten aber war ich bei den Eltern meines Vaters.
Zu meinem Vater muss ich sagen, dass er psychisch Krank ist. Er leidet an
Psychosen und Schizophrenie, weswegen er sich auch nicht um mich kümmern
kann. Mir selbst fällt es schwer, ihn als meinen leiblichen Vater zu
akzeptieren, weil ich erstens nie den Bezug zu ihm hatte und zweitens weil
er halt so krank ist. Ich schäme mich nicht dafür das mein Vater krank ist.
Ich habe einfach nur Angst! Angst wenn er wieder seine Psychose hat und dann
immer vollkommen austickt und mit Mord und Selbstmord droht! Dann werde ich
ihm über auch aggressiv, allerdings nur, weil ich meine Angst mit der
Aggressivität überspielen will... Soviel zu meinem Vater!
Weihnachten 1990 brachte meine Mutter mich zu den Eltern meines Vaters und
meinte, sie würde mich Neujahr wieder abholen. Es verging eine Woche, es
vergingen 2 Wochen, es verging 1 Monat, es vergingen 2 Monate. Meine Mutter
meldete sich nicht. Meine Mutter hatte sich in den Niederlanden abgesetzt.
Wofür auch immer, weiß der Teufel! Erst in den Sommerferien 1991 wollte
meine Mutter mich wieder abholen. Allerdings hatte das Jugendamt ihr schon
das Sorgerecht entzogen. Daraufhin stellte sich die Frage, ob ich im Heim
aufwachsen sollte... Meine Großeltern entschieden sich gegen das Heim und
entschieden sich dafür, mich großzuziehen.
Von meinem 3. bis zu meinem 12. Lebensjahr ging alles glatt. Ich hatte bis
dorthin eine relativ fröhliche und unbeschwerte Kindheit. Ich war nun knappe
2 Jahre auf der Realschule und hatte im 5. und 6 Schuljahr das zweitbeste
Zeugnis von 31 Kindern! Stolz war ich da schon drauf... Doch mitte des 7.
Schuljahres fing es dann an: Ich wurde von einer Klassenkameradin gemobbt.
Sie zog alle auf ihre Seite. Sie machte mich systematisch fertig. Sie hetzte
alle anderen gegen mich auf. Ich kam jeden Tag weinend von der Schule, meine
Leistungen fielen von heut auf morgen rapide ab. Manchmal war mir vor Angst,
zur Schule zu gehen, so übel, dass ich mich übergeben musste und
Bauchkrämpfe hatte. Meine Eltern haben es am Anfang nicht gesehen... oder
WOLLTEN es auch gar nicht sehen... Ich weiß es nicht.
Dadurch, dass meine Leistungen so abfielen, bekam ich Zuhause tierischen
ärger. Meine Eltern machten mir Druck, sprachen Verbote und Drohungen aus
wenn ich schlechte Noten schrieb (was zu der Zeit an der Tagesordnung stand)
Ich war mit meinen Nerven total am Ende. Zudem wurde meine Vater zu diesem
Zeitpunkt aus sehr aggressiv, schlug mich regelmäßig wenn ich nicht nach
seiner Pfeiffe tanzte. Einmal schlug er mich sogar mit dem Kopf gegen die
Wand (was mir bis heute nur mein Onkel und meine Tante glauben!) So lief es
ungefähr 4 Monate. Bis ich dann wirklich so verzweifelt war, dass ich
anfing, mich zu ritzen.
3 Monate später war es dann so schlimm, dass ich versuche, mir das Leben zu
nehmen. Meine Eltern waren nicht da, und so überlegte ich mir, wie ich es
machen könnte, ohne großartig schmerzen zu haben. Ich räumte unseren ganzen
Medikamentenschrank aus, schluckte alles querbeet – Aspirin, Kortison,
Antiallergiekumtabletten, Herztablette und was ich sonst noch so alles im
Schrank fand... Nachdem ich alle Tablette runtergespült hatte, legte ich
mich ins Bett, und hoffte darauf, einzuschlafen und nie wieder aufwachen zu
müssen. Mir wurde schwindelig, ich bekam Kopfschmerzen, sah total
verschwommen, zitterte am ganzen Körper, abwechselnd wurde mir heiß und
kalt. Mir war so übel, das ich mich zum Klo schleppte. Laufen konnte ich
nicht. Ich bin gekrochen, auf allen Vieren. Als ich dann über dem Klo hing,
erbrach ich mich. Der ganze Scheiß den ich geschluckt habe kam heraus.
Nachdem ich mich „ausgekotzt“ hatte, lehnte ich mich erschöpft gegen den
Wäschekorb und schlief ein. Als ich dann mitte in der Nacht wieder aufwachte
hatte ich schlimme Kopfschmerzen, mir war immer noch ein wenig schwindelig
aber ich lebte. Bis heute frag ich mich, wie ich das nur überleben konnte...
Vielleicht gibt es da oben ja doch einen Gott, und er hat bestimmt, dass es
für mich zu früh wäre zu sterben... Wer weiß!
Jedoch sollte das Thema damit nicht erledigt sein. Meine Eltern bekamen es
raus und bei mir Zuhause wurde es schlimmer denn je. Ich musste mir Sprüche
anhören wie „Und, welche Pillen schluckst du heute wieder?“ oder „Na du
Psychisch Kranke, sollen wir dich nicht besser in Süchteln Zwangseinliefern
lassen?“ Von dem, dass ich mich ritze, erfuhren meine Eltern nichts. Nach
einer Weile war das Thema dann vom Tisch...
Natürlich gab es für mich auch eine Zeit, ohne ritzen. Ohne Schmerzen, ohne
Blut, ohne Wunden, ohne Narben. Ich dachte ich wäre darüber hinweg. Ich
ritze mich 6 Monate nicht mehr. Und dann kam wieder ein herber Rückschlag.
Ich ritze mich wieder. So ging es immer wieder hin und her. Eine Zeit lang
ritzen, dann wieder eine Zeit lang „clean“ sein.
Bis zum heutigen Tage. Jetzt bin ich 17 Jahre und im Moment geht es mir so
schlecht wie noch nie zuvor. Mein linker Arm ist überseht von Narben und
Roten Striemen. Aber es ist nicht nur mein Arm. Auch meine Fingerkuppen,
Schienenbeine, Fußknöchel und Oberschenkel sind teilweise mit Narben und
roten Strichen übersäht. Zudem leide ich unter schlimme Depressionen, weil
ich auf meiner neuen Schule auch gemobbt werde. Mein Vater ist noch
aggressiver geworden und leidet auch unter Depressionen, weil er seit
ungefähr 2 Jahren aufgrund körperlicher „Behinderung“ nicht mehr arbeiten
kann und jetzt Frührentner ist. Oft habe ich das Gefühl, an all dem (selbst)
Schuld zu sein. Wahrscheinlich bin ich halt ein schlechter Mensch.
Anvertraut habe ich mich bis jetzt nur meinem Freund, mit dem ich jetzt
knapp 3 1/2 Monate zusammen bin, einer guten Freundin, meiner Stiefmutter
und meinem Trainer, der als Angestellter in der Psychatrie arbeitet. Zudem
haben mein Onkel und meine Tante es durch einen „dummen Zufall“
rausbekommen. Meinen Eltern habe ich es noch nicht erzählt. Ich kann sogar
mit T-Shirt hier rumlaufen. Meine Eltern sehen es nicht, oder WOLLEN es auch
gar nicht sehen. Im Endeffekt denken sie sowieso nur an sich. Immer nur an
das, was sie für Probleme und Wehwechen haben. Für mich interessieren sie
sich im Endeffekt nicht.
Morgen kommt das Jugendamt bei uns vorbei. Meine Tante meinte ich solle
ihnen davon erzählen. Aber ich hab Angst, was es für Konsequenzen für meine
Mutter und Vater (also eigentlich Oma und Opa) hat. Ich will nicht das sie
noch mehr Probleme wegen mir kriegen oder/und todunglücklich sind. Ich hab
Angst vor dem, was das Jugendamt dann tun wird. Aber ich weiß, dass es so
nicht weitergehen kann! Ich habe mich noch nicht entschieden was ich machen
werde. Aber ich hoffe, dass ich die richtige Entscheidung treffe und damit
glücklich werden kann.
Ich bedanke mich fürs Lesen und wünsche allen anderen SVVlern viel viel
(Willens-)Kraft und Mut für die Zukunft!
12.10.05
>>> weiter blättern >>>
Übersicht Erfahrungsberichte
|