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Nie kam ein "Warum?"
Michelle, 16 Jahre
Nachdem ich bereits einige dieser Beiträge gelesen habe, möchte auch ich meinen Beitrag leisten. Vielleicht
auch nur aus Egoismus und dem Wunsch, darüber zu sprechen.
Ich war nie sonderlich beliebt, wahrscheinlich war ich immer schon ein wenig anders als die anderen Kinder.
Ich hatte schon sehr früh oft das Gefühl, Schmerz spüren zu müssen, dann habe ich mich irgendwo angeschlagen,
gesagt, dass sei ein Versehen. Das hat so unendlich gut getan. Das hat sich irgendwie nie richtig geändert.
Mit 3 Jahren kam ich in den Kindergarten. Während dieser Zeit bis zur zweiten Klasse war ich allein. Ich
hatte keine Freunde, niemanden, der mir zuhörte. Dabei wollte ich doch etwas sagen...
Ich war 5 Jahre alt, als ein angeblicher "Bekannter" meiner Eltern das Grundstück des Kindergartens betrat.
Er nahm mich mit, fuhr zu einem kleinen Haus, von dem er sagte, meine Eltern würden darin warten. Ich kann
mich genau an sein Gesicht erinnern. Er hatte dunkles Haar, dunkle Augen udn eine kleine Narbe neben dem rechten
Auge. Seine Lippen waren schmal und seine Stimme klag so lieblich, dass ich die "Falle" hätte riechen müssen!
Aber ich war jung, wusste nichts von der Welt da draußen. Ich ging also mit ihm in dieses Haus. Er schloß die
Tür hinter sich und sagte, ich solle mich auf das Bett legen, was ich auch tat. Ich dachte an ncihts Böses. er
begann, sich auszuziehen. Ich trug an diesem Tag ein Kleid, ein gelbes, mit weißem Kragen und eine weiße Strumpfhose.
Er meinte, dass es ohne diese Strumpfhose doch viel angenehmer sei. Und er hatte recht, ich konnte diese Dinger
absolut nicht leiden. Also zog ich sie aus. Er zog meinen Rock nach oben und "Befreite" mich von meiner Unterwäsche.
Das war der Moment, an dem ich Angst bekam. Ich stand auf, zog nur meine Schuhe wieder an und wollte gehen. Aber
er packte mich an den Schultern, drückte mich auf das Bett zurück und begann, mich zu "streicheln". Allein das tat
furchtbar weh. Ich möchte jetzt nicht darauf eingehen, was er weiteres mit seinen Fingern tat...
Irgendwann stand er auf und ich hörte, dass er nach etwas kramte. Ich rannte. Ich rannte weg und versteckte mich.
Zwei Stunden saß ich da, habe gewartet. Dann bin ich zu einer Bekannten - die heute eine meiner besten Freundinnen
ist - gelaufen. Ich weinte, traute mich nicht nach Hause. Ich blieb noch eine Weile bei ihr, dann brachte sie mich
nach Hause.
Meine Mutter hatte nichts böses angenommen, natürlich hatte sie sich Sorgen gemacht, aber es war schon öfter
vorgekommen, dass ich nach dem Kindergarten einfach "verschwand": Ich erzählte ihr nie davon. Auch heute noch ist
das ganze mein Geheimnis.
An diesem Tag hat die Leere, Gefühlskälte in mir begonnen, sich auszubreiten. Ich wusste damals noch nicht, was
geschehen war, dachte mir, dass das nicht so schlimm sei. Also vergrub ich diese Erinnerung tief in mir und mit
den Jahren hatte ich sie wohl "vergessen". Ich hatte seither einen Drang zur Isolation, war verschlossen und kalt.
Mit den Jahren änderte sich das wieder. Ich wurde offen, lachte viel und war glücklich - zum Schein. Tief in mir
war ein Loch, eine tiefe Traurigkeit, die ich niemals zuordnen konnte. Ich trug und trage eine Maske.
Nun aber zum eigentlichen "ersten Mal":
Das erste Mal geschah es, als ich 12 war, ganz unbewusst. mir ist die Schere ausgerutscht und als sie meine Haut
teilte, ich den Schmerz spürte und das blut sah, empfand ich eine tiefe, innere Wärme, ein Gefühl des Wohlseins.
Ich ging auf die Toilette, mit meinem Schulranzen, weil es gerade geläutet hatte. Ich betrachtete das Blut, wie
es zu Boden tropfte und genoss es. Ich blieb so lange sitzen, bis der Strom versiegte. Dann stand ich auf, ging
nach Hause, dachte, dieses Gefühl sei nur der Schmerz gewesen. Ich war wie betäubt.
Erst 2 Jahre später habe ich mich wieder geritzt. Ich hatte nicht den Mut, tiefe Schnitte zu setzen. also blieb es
bei oberflächlichen Kratzern, die nach einigen Tagen wieder verschwanden. Als meine Mutter das sah, schrie sie mich
an, drohte mir mit allen möglichen Dinge. Nach dem "Warum" hat nie jemand gefragt. Zu dieser Zeit kam alles wieder
in mir hoch. Die Geschichte im Kindergarten, meine 4 Jahre lange Einsamkeit, die Trennung von meiner Freundin
(vorrübergehend), Probleme im gesamten sozialen Umfeld, in der Schule usw.
Ich habe mich an diese "Erlösung" von damals erinnert und griff zu meinem Taschenmesser. Ich war wahnsinnig nervös
bevor ich es ansetzte. Doch nachdem ich die Klinge über meine Haut gezogen hatte, ging es mir besser, die Nervosität
und alle Anspannung war verschwunden. ALs meine Mutter das mitbekam, schrie sie mich an und drohte mir mit allen
möglichen Dingen.
Als Resultat dessen mache ich es heimlich. Niemand hat nach dem "Warum" gefragt.
Heute sind es tiefe Schnitte, so gesetzt, dass ich sie verstecken kann. Ich traue mich nicht, mit irgendjemanden zu
reden. Niemand hat je nach dem Warum gefragt. Und das werden sie auch jetzt nicht.
Ich möchte hiermit alle Angehörigen - vor allem die Eltern!- davor warnen, ihr Kind anzuschreien oder ihm zu drohen,
sollten sie mitbekommen, dass ihr Kind sich selbst verletzt! Das ist der falsche Weg, glaubt es mir!
Vielen Dank, fürs "Zuhören".
16.05.05
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