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Lange Pullis

Juli, 17 w
 

Ich will nicht so sein wie ich bin. Aufbrausend und unberechenbar. Nicht auszuhalten in letzter Zeit. Ohne Grund raste ich aus, fange an zu schreien, zu weinen. Mich zu ritzen. Ich blicke hinunter auf meinen Unterarm. Dünne rote Linien heben sich deutlich von meiner hellen Haut ab. Als ich sie sehe fangen die Tränen schon wieder an zu laufen. Ich hasse dieses Gefühl. Wenn ich mich ritze fühle ich mich gut, befreit. Es ist dann die einzige Möglichkeit mit meiner Aggression und meiner Wut klarzukommen. Aber danach geht es mir dreckig. Ich weiß, dass man die Narben noch monatelang sehen wird. Darauf angesprochen hat mich noch niemand. Das macht nie einer. Denn es ist ein Tabuthema und davon abgesehen, was sollten sie denn sagen? Hey Juli was hast du denn da am Arm?  Eine völlig überflüssige Frage da man es auf den ersten Blick sehen kann. Man sieht genau was es ist. Ein Hilferuf. Doch keiner hilft. Ich selber kann nicht laut genug schreien deshalb lasse ich es die roten Linien machen. Doch selbst das bringt nichts mehr. Ich habe die Hoffnung aufgegeben. Ich trage jetzt immer lange Pullis unter denen ich die Schnitte verstecke. Dann bin ich ein normales Mädchen. Doch unter dem Pulli bin ich einsam. Es ist schon erstaunlich wie ein dünnes Stück Stoff so viel verbergen kann. Es sind ja nicht nur ein Paar rote Striemen. Es ist eine ganze Geschichte. Der Pulli versteckt, was ich wirklich bin. Und das ist eine Menge. Er gibt vor, dass ich ein normales Mädchen bin. Ein normales Mädchen, das nun einmal gerne lange Pullis trägt. Doch keiner hinterfragt es jemals. Ist das nicht erstaunlich? Es ist doch nur ein Stück Stoff. Und wäre es nicht da, würden die Leute anders zu mir sein, anderes von mir denken, anders mit mir umgehen. Oder doch nicht? Ich will es nicht ausprobieren. Ich gehe unangenehmen Fragen aus dem Weg. Es ist doch nur ein Stück Stoff, das meine Schnitte von der Außenwelt trennt. Und doch scheint es als wäre es ein ganzes Universum.
Michi weiß es. Und Leon mein Bruder. Aber sie denken es war eine einmalige Sache. Sie wissen nicht, dass mein ganzer Arm inzwischen von einem Netz aus Schnitten überzogen ist. Sie tun weh diese Schnitte. Wenn ich meinen Arm strecke, wenn heißes Wasser darüber läuft. Wenn andere mich am Arm packen. Doch ich finde keinen Ausweg. Denn wie sonst kann ich meine Wut auslassen. Ich finde keine Lösung, egal wie angestrengt ich es versuche. Vielleicht brauche ich professionelle Hilfe, so wie Krissi. Doch ihr hat es auch nicht allzu viel gebracht auf lange Sicht. Zumindest ist das meine Meinung. Sie ritzt sich manchmal. Aber nur selten und nicht so wie ich. Sie hat hellrote fast unsichtbare Linien auf ihrem Unterarm, eher in der Nähe ihrer Armbeuge. Ich dagegen habe dunkelrote, tiefe Schnitte gefährlich nahe an meinen Pulsadern. Jetzt stellt sich die Frage was von beidem schlimmer ist. Oder macht es überhaupt keinen Unterschied? Vielleicht geht es ja tatsächlich nur darum, dass man sich ritzt, egal wie tief und wo. Es zeigt so oder so, dass mit einem etwas nicht stimmt. Dass man Hilfe braucht. Ich brauche Hilfe. Nicht einmal mit Krissi kann ich darüber reden, ich schäme mich. Aber ich will mit ihr darüber reden, sobald wie möglich. Ich will ihr meine Schnitte zeigen. Ich will mit ihr weinen. Ich will sie trösten. Ich will, dass sie mich tröstet. Ich will auch mit meiner Mutter reden. Und mich entschuldigen, für alles, was ich getan habe, wie ich sie in letzter Zeit behandele,  als ob sie mir nichts recht machen kann. Dabei liegt es alles nur an mir, sie ist die beste Mutter der Welt. Das will ich ihr sagen. Aber ich kann nicht. Sie könnte mir auch nicht helfen.
 
Rasierklingen sind besser als Nagelscheren. Das habe ich diese Woche herausgefunden. Hatte eigentlich keine Ahnung woher all diese Menschen die sich ritzen immer Rasierklingen herbekommen, wo gibt es denn so etwas? Ich habe es bisher immer nur im Film gesehen. Aber ich habe einen Einwegrasierer auseinandergenommen. Mir dabei den Nagel abgebrochen, aber das Resultat war unglaublich. Unvorstellbar scharf sind sie diese Klingen, es hat mir fast Angst gemacht. Aber nur fast. Hauptsächlich hat es mich fasziniert. Es ist schmerzhafter aber um einiges leichter und simpler als mit Nagelscheren. Ich habe die Klinge in meiner Tampondose versteckt, zusammen mit einer Mulbinde. Dort sind sie sicher hoffe ich. Wenn mir jemand auf die Schliche kommt bin ich am Ende. Und lande wahrscheinlich in der Klapse. Wie Krissi. Das will ich nicht. Aber will ich so weiter machen? Ich schätze ich habe keine andere Wahl.

 

15.07.2012
 

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