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Feldforschung zu Selbstverletzendem Verhalten (SVV)
 

Auf der RoteLinien-Homepage wurde eine empirische Untersuchung zum Thema Autoaggression bzw. Selbstverletzendes Verhalten (SVV) durchgeführt. An dieser Stelle sei ausdrücklich allen 258 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gedankt, die sich die Zeit zum Ausfüllen des Fragebogens genommen haben und bereitwillig Aufkünfte über ihre Erkrankung und Biografie gegeben haben!
 
Ziel der Studie war es, eine Übersicht zu verschiedenen Bereichen zu erhalten, auf Grund derer sich genauere Untersuchungen zu bestimmten Themenkreisen anschließen können.
 
 

Die wichtigsten Ergebnisse der Befragung im Überblick

TeilnehmerInnen an der Studie / Betroffene

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Befragung waren zwischen 12 und 40 Jahren alt. Der arithmetische Mittelwert liegt bei 18,8 Jahren (der Median bei 18, der Modus bei 17 Jahren). 93% waren weiblichen, 7% männlichen Geschlechts. Das Einstiegsalter für SVV liegt zu 33% bei 13-14 Jahren, zu über 60% zwischen dem 13. und 16. Lebensjahr.

Bildung

Die befragten User weisen eine überproportional hohe Schulbildung auf. Der Anteil an Hoch-
begabten mit nachgewiesener Hochbegabung ist im Vergleich zum Bundesdurchschnitt mehr als doppelt so hoch. Hinzu kommt noch ein beträchtlicher Anteil mit einer vermuteten Hochbegabung.

Eltern, Geschwister

Auch die Eltern weisen eine überdurchschnittlich hohe Bildung auf. Außerdem sind sie ökonomisch besser gestellt als der Bundesdurchschnitt (gemessen am Wohneigentum). Die Befragten sind mehrheitlich also einer höheren Schichtzugehörigkeit zuzurechnen.
75% der Befragten wuchsen bei ihren leiblichen Eltern, 20% in Ein-Eltern-Familien auf. 24% habe keine, 43 % haben ein, 33% zwei und mehr Geschwister. Diese Werte entsprechen in etwa dem Bundesdurchschnitt.

Wichtigkeit von Personengruppen

Bei den Frage nach der Wichtigkeit verschiedener Personengruppen wird bei der Familie zu 49%, bei Freunden zu 85% mit wichtig oder eher wichtig geantwortet. Die Gefühle, die die Befragten gegebenüber ihrer Familie äußern, werden allerdings nur zu 18% als gut oder eher gut bezeichnet, bei den Freunden sind es immerhin 46%. Es besteht ein also zahlenmäßig großer Unterschied zwischen der theoretischen Wichtigkeit und dem tatsächlichen (Wohl-) Gefühl bezüglich dieser sozialen Gruppen.

Kommunikation

Bei Problemen reden 34% der Befragten bevorzugt mit Freund oder Freundin, 11% mit Partner oder Partnerin, jedoch nur 1% mit Familienmitgliedern. 11% tauschen sich darüber im Internet aus, 7% geben an niemanden zum Reden zu haben, 20% wollen nicht über ihre Probleme reden.

Wichtigkeit von PC/Internet und Musik

PC bzw. Internet werden zu 69%, Musik zu 90% als wichtig oder eher wichtig eingestuft.

Persönlichkeitstyp, Verletzlichkeit

Der Persönlichkeitstyp der Befragten entspricht laut subjektiver Zuschreibung von Eigenschaften zu 80% dem depressiven Angsttyp nach Riemann (einfühlsam, hilfsbereit, geduldig, mit geringem Selbstwertgefühl). Der Rest verteilt sich zu gleichen Teilen auf den schizoiden, zwanghaften und hysterischen Angsttyp. 87% der Teilnehmer charakterisieren sich als sensibel/eher sensibel bzw. verletzlich.

Ursachen für SVV, soziale Stressoren

Als zahlenmäßig wichtigste Ursachen für SVV wurden angegeben: Depressionen 82%, Einsamkeit 70%, Probleme mit dem persönlichen Umfeld 59%, Traumatisierung 52%, Angst und Panik 46% und Mobbing 38%.
43% der Befragten geben an, in der Familie Vernachlässigung erfahren zu haben. 39% waren Gewalt, 22% sogar Misshandlungen in der Familie ausgesetzt. 16% haben als Kind sexuellen Missbrauch erfahren. 45% der Teilnehmer geben an, schon als Kind sozial, psychisch oder psychosomatisch auffällig gewesen zu sein.

Kenntnis und Reaktionen auf SVV bei Familie und Freunden

In nur 45% der Fälle wissen die Eltern von dem SVV ihrer Kinder. Von ihnen haben nach Wahrnehmung der Betroffenen 39% hilflos/besorgt, 16% ignorant/desinteressiert reagiert, jedoch nur 3% verständnisvoll und unterstützend. Gewünscht wurde von den Befragten zu 49% eine unterstützende Haltung der Eltern sowie zu 25% ein normaler Umgang ohne Sonderbehandlung.
 
Bei den Freunden wird sehr stark differenziert: Nur 25% der Befragten geben an, dass alle oder die meisten Freunde vom SVV wissen, bei 62% wissen es einige. Die Erfahrung mit Freunden bezüglich des SVVs wird zu 22% als schlecht oder eher schlecht, zu 32% als normal und zu 46% als eher gut oder gut beurteilt. Entsprechend fühlen sich 22% der Befragten von ihren Freunden aufgrund des SVVs abgelehnt und 39% zum Teil abgelehnt.

Geheimhaltung

82% der Befragten verbergen ihre Wunden und/oder Narben immer oder meist (d.h. unter entsprechender, in der Regel langärmeliger Kleidung und unabhängig von der Jahreszeit).

Körpergefühl, Selbsthass und Parasuizidalität

37% der Befragten geben an, ihren Körper eher nicht zu mögen, 40% hassen ihn sogar. 61% empfinden oft, 32% manchmal Selbsthass. Unter häufigen Suizidgedanken leiden 58% der Teilnehmer. 22% haben bereits einen, 18% sogar mehrere Suizidversuche unternommen.

Verletzungen

Die Tiefe der Wunden wird zu 41% als mittel, zu 34% als tief oder eher tief eingestuft. 46% der Befragten versorgen ihr Wunden selten oder nie. 31% glauben, dass eine ärztliche Versorung der Wunden notwendig gewesen wäre, 20% sind diesbezüglich unsicher. Trotzdem sind 86% der Befragten noch nie zur Wundversorgung beim Arzt gewesen. Die Erfahrung mit Ärzten bezüglich SVV (nicht zwangsläufig im Zuge einer Verletzung) wird zu 41% als schlecht oder eher schlecht bezeichnet, zu 36% als neutral.
38% der Befragten reagieren mit Essstörungen als Ersatz für Selbstverletzungen. 25% sind sich nicht sicher.

Suchtcharakter, Psychotherapie, Medikamente

69% der Befragten halten Autoaggression für eine ernst zu nehmende Krankheit. 89% vermuten nach eigenen Erfahrungen bei SVV ein Suchtpotential. Nur 8% geben an, dass ihnen sofortiges Aufhören mit Selbstverletzungen möglich wäre.
 
Trotzdem hat die Mehrheit von 57% hat noch keine Therapie gemacht. 26% der Teilnehmer haben eine oder mehrere ambulante und/oder stationäre Psychotherapie(n) durchgeführt (und abgeschlossen), 6% haben Therapien zum Teil abgeschlossen, zum Teil abgebrochen, 11% haben eine oder mehrere Therapie(n) angefangen, sie aber nicht zu Ende geführt. 14% der Befragten nehmen regelmäßig, 12% nach Bedarf Medikamente, die direkt oder indirekt im Zusammenhang mit SVV stehen.

Größter Wunsch

Die geäußerten Wünsche sind sehr vielfältig und können hier nur grob nach Kategorien aufgeführt werden: 58% der Befragten wünschen sich (vor allem mentale) Gesundheit, "Normalität", sowie Glück und Zufriedenheit. 13% der Wünsche stehen in Zusammenhang mit einer glücklichen (Ursprungs-)Familie oder Partnerschaft. Von 3% der Befragten wird als größter Wunsch der eigene Tod genannt. Die restlichen Wünsche verteilen sich zu maximal 4% pro Rubrik auf verschiedenste Bereiche, wie zum Beispiel das Aussehen, die berufliche Entwicklung, konkrete Hilfe für bestimmte Menschen, Philosophisches wie Glück für alle Menschen oder den Weltfrieden etc.
 

Alle Ergebnisse der Befragung

Hier sind ⇒ alle Ergebnisse der Befragung tabellarisch vereinfacht dargestellt.

 

Erläuterungen zur Studie

Es handelte sich bei der Untersuchung um eine standardisierte, schriftliche Befragung, die 142 Fragen umfasste. 258 Fragebögen konnten analysiert werden. Die Auswertung der Daten, in der Regel einfache Häufigkeitsauszählungen, erfolgte mit SPSS, einem wissenschaftlichen EDV-Programm für statistische Analysen.
 
Zur Allgemeingültigkeit der Ergebnisse muss darauf hingewiesen werden, dass es sich bei der Erhebung um eine anfallende Statistik handelt. Das bedeutet, es wurden diejenigen Personen befragt, die sich selbstselektiv zur Befragung gemeldet haben. Die Stichprobe war deshalb nicht repräsentatitv und lässt somit keinen Rückschluss auf die Grundgesamtheit, also auf alle sich selbstverletzenden Personen, zu.
Auf Grund der Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Problemen bzw. Erkrankungen durch Außenstehende und die Geheimhaltung der Erkrankung von Seiten der Betroffenen ist die Durchführung repräsentativer Untersuchungen in der Praxis nahezu ausgeschlossen. Dieser Umstand führt dazu, dass auf die Befragungen von Teilgruppen - über anfallende Statistiken (z.B. Internetbefragungen) und Klumpenstichproben (Befragungen in Psychiatrien, Schulklassen) - zurückgegriffen werden muss, um überhaupt Informationen zum Thema zu erhalten. Insgesamt ist die Datenlage zu SVV recht dünn und unbefriedigend.
 
Zusätzlich zur Stichprobenziehung ist zu berücksichtigen, dass sowohl das Medium Internet wie die schriftliche Art der Befragung spezielle Filterwirkungen aufweisen und das Ergebnis beeinflussen können.
 
Trotz der genannten Einschränkungen gibt die Untersuchung natürlich Antworten auf verschiedene Fragen, die sich im Zusammenhang mit Autoaggression stellen. Die Ergebnisse der Befragung vermitteln einen Einblick in die Symptomatik der Störung und in das subjektive Erleben der Erkrankung, in die Einstellungen und Gefühle der Betroffenen, sowie in ihr soziales Umfeld und ihre Biografien. Weiterführende, vertiefende empirische Untersuchungen zu SVV sind wünschenswert.
 

Standardisierte Befragung zu SVV
 

Die Ergebnisse werden hier überwiegend unkommentiert als nacktes Zahlenmaterial veröffentlicht. Auf die komplette Darstellung der Einzeldaten, Mittelwertdifferenz nach arithmetischem Mittel und Median, Angabe der gültigen Prozente, aller auftretenden Anteile, eventueller Auffälligkeiten etc. einschließt, wird hier verzichtet, um die Ergebnisse halbwegs übersichtlich und kompakt vorstellen zu können. Die direkte Übernahme des Zahlenmaterials für wissenschaftliche Zwecke ist deshalb nur eingeschränkt sinnvoll. Bei Bedarf können aber Auskünfte zu einzelnen Ergebnissen gegeben werden.
 
Die Verwendung der dargestellten Untersuchungsergebnisse ist ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke mit Quellenangabe gestattet! Jegliche andere Nutzung, auch in Auszügen, ist ausdrücklich untersagt und wird aufgrund des Verstoßes gegen das Urheberrecht juristisch verfolgt.
 

 

Hinweis zum Copyright

Die Verwendung der dargestellten Untersuchungsergebnisse ist nur für wissenschaftlichen Zwecke und mit schriftlicher Genehmigung der Verfasserin sowie mit vollständiger Quellenangabe gestattet. Jede andere Nutzung, auch in Auszügen, ist ausdrücklich untersagt.
 
 

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