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Wir waren 13 ...

The Seeker, Freundin

Seit der fünften Klasse sind wir Freundinnen. „Blacky“ und ich. Klar haben wir uns mal gezofft, doch wir haben einander vertraut. Ich bin nicht der Typ, der sich den Menschen anvertraut, doch sie hat mir immer alles erzählt. Nur das nicht.
 
Wir waren 13, als sie damit anfing. Sie hat es mir nicht erzählt. Sie hat immer Andeutungen gemacht. Sie hatte immer schlechte Laune und hat sich in den Pausen einfach auf den Boden gesetzt und das Gesicht in den Händen vergraben. Sie hat morgens im Bus über Selbstmord gescherzt. In Sport hat sie immer eine Jacke getragen und in der Umkleidekabine ein Theater wegen des Umziehens gemacht.
Ich wusste es. Irgendwann. Ich hatte Angst. Ich war überfordert. Mit einem Mal stand mein ganzes normales keines Leben auf dem Kopf.
In der Pause habe ich es gesehen. Als sie vor mir auf dem Tisch saß und sich in einem scheinbar unbeobachteten Moment kurz den Ärmel hochgeschoben hat. Ich hatte die ganze Zeit gehofft, ich irre mich.
Ich hab sie drauf angesprochen. Sie hat mir erzählt, sie kann nicht anders.
Ich habe es nicht verstanden. Ich hab versucht, es zu verdrängen. Die anderen haben sie immer schief angesehen, wenn sie zusammengekauert auf dem Flur saß. Manchmal hat sie geweint. Ich habe versucht, ihr beizustehen. Ich habe immer neben ihr gesessen.
 
Der Junge war  17. Es war von Anfang an klar, dass sie keine Chance hatte. Sie verstanden sich gut, die beiden. Freunde. Der Junge hat sich verliebt. Hat in den Fluren mit einem anderen Mädchen rumgemacht. Da wurde es dann richtig schlimm.
 
Sie hat offen mit mir gesprochen, nachdem ich es einmal wusste. Glaube ich zumindest. Sie hat mir immer erzählt, wie sie bis lange in die Nacht in ihr Kissen geheult hat. Sie war immer stolz, wenn sie sich an einem Wochenende ‚nur‘ 13 mal geschnitten hat. Und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Also habe ich geschwiegen.
Irgendwann war ich nicht mehr mitfühlend. Ich war überfordert. Ich habe es mir alles angehört und immer noch neben ihr gesessen, doch in mir kochte eine Wut. Ich wollte mein Leben zurück.
Irgendwann wusste es fast die ganze Klasse. Keiner wusste, was zu tun war. Alle dachten, es wäre meine Aufgabe, denn ich bin nun mehr ihre einzige dicke Freundin in der Schule.
Bis es irgendwann ein anderes Mädchen aus der Klasse erfuhr, die was unternommen hat. Sie und ein paar andere wollten mit Blacky reden. Ich nicht. Ich konnte ihr nie die Wahrheit ins Gesicht sagen.
Doch Blacky blockte ab du die Mädchen gingen noch am gleichen Tag zu einem Vertrauenslehrer, der unsere Klassenlehrerin informierte, die dann Blackys Eltern anriefen.
Das war ein Freitag und das Wochenende über herrschte totale Funkstille. Nach der Schule war Blacky einfach weggerannt, ich hatte Angst, sie für immer zu verlieren. Ich wusste nichts, traute mich aber auch nicht, anzurufen.
Doch montags war sie nicht mehr sauer. Sie hat eingesehen, dass ihre Eltern es wissen mussten. Das wusste sie vorher schon. Doch sie hatte es immer geheim gehalten.
Ihr wurden die Scheren weggenommen. Sie musste zu einer Therapiestunde. Es war wieder gut. Vorerst.
 
Sie hat sich von dem Jungen abgelenkt. Sie war mit einem Mädchen zusammen, die es auch tut. Auch in der schwarzen Szene ist und sich ritzt. Doch der Junge war immer noch da.

Ein halbes Jahr später. Wir beide sind 14. Die Schule hat nach den Sommerferien wieder begonnen. Plötzlich sieht sie den Jungen wieder jeden Tag.
Ich habe beschlossen, Klartext mit ihr zu reden.
Ich war der Meinung, sie sollte mit ihrer Freundin Schluss machen. Hat sie. Und wieder begonnen.
Ich wusste es sofort. Sie hat sich komisch verhalten. Im Hochsommer mit Jacke rumlaufen, von mir aus, war ja nicht sonderlich heiß. Aber spätestens in der Umkleide…
Ich habe ihr gesagt, wenn sie es noch einmal tut, sage ich es ihren Eltern. Das habe ich ihr klar gesagt. Ich sehe es nicht mehr als meine Aufgabe. Ich kann es nicht. Ich muss mein eigenes Leben auf die Reihe kriegen. Ich kann ihr helfen, doch ich werde es nie alleine schaffen und ich will es auch nicht alleine machen.
Danach hat sie aufgehört. Vor einem halben Jahr. Soweit ich weiß. Doch ich vertraue ihr nicht mehr so sehr wir früher. Ich halte Ausschau. Immer.
 
03.08.2011
 
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