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Ich habe das Weinen meiner Tochter gehört und ich habe gelitten

Harry, der Vater

Letztens habe ich ein Buch mit dem Titel „Ich habe ihr weinen nicht gehört“ gesehen. Diese Geschichte wurde durch eine Mutter, deren Pflegetochter Selbstmord begangen hat, geschrieben. Ich habe es nicht gelesen. Der Titel vermittelt aber den Eindruck, dass die Mutter sich Vorwürfe gemacht hat. Was tut man aber wenn man das Weinen hört?
Ich habe das Weinen meiner Tochter gehört und ich habe gelitten. Als ich ihre Wunden gesehen, ihre Gedichte und Geschichten voll Verzweiflung gelesen habe, musste auch ich weinen. Ich war jedoch Machtlos. Auf verschiedene Weise habe ich ein Weg zu ihr zu finden versucht, wollte ihr helfen – es war aussichtslos.
Mir war es bewusst, dass meine Tochter sich nach Verständnis und Zuneigung sehnte. Gleichzeitig baute sie aber eine innere Mauer um sich auf. Eine Mauer durch die es für kaum jemanden möglich war zu ihr durchzudringen. Sie war taub für das Klopfen und Rufen geworden. Sie hat so laut in sich hinein geweint, das sie das Weinen anderer nicht mehr wahrgenommen hat. Sie war nicht mehr im Stande die vielen Menschen, die sich nach ihr gesehnt und ihre Zuneigung gesucht haben zu sehen.
Es gab aber diese Menschen und es gibt sie immer noch. Eva, meine Tochter, lebt noch. Ich hoffe und bete, dass sie sich eines Tages öffnen und den Weg in ein „normales“ Leben zurückfinden kann. Zur Zeit ist sie in einer Klinik für Jugendpsychiatrie untergebracht. Es war ein schwerer und schmerzlicher Schritt sie dorthin zu bringen. Ich hoffe, dass es richtig und noch nicht zu spät war.
 
Eva, ein Wunschkind, ist die Jüngste von drei Geschwistern und dazu das einzige Mädchen. Ihre beiden Brüder sind viel älter als sie. Ein richtiges „Nesthäkchen“ eben. Alles, was sie sich gewünscht hat und wir uns leisten konnten, bekam sie. Sie war auch vielseitig interessiert, lieb und hilfsbereit. Sie spielte mit Begeisterung Flöte und lernte Keyboard. Sie war in einem Sport-Verein und nahm an mehreren Wettkämpfen teil, bei denen ich sie immer wieder begleitet habe. Irgendwann fing sie aber an, darunter zu leiden, dass sie dort keine großen Erfolge hatte.
 
Frühjahr 2002
Eva erzählte, dass sich ihre Freundin bewusst an ihren eigenen Armen schneide, wenn sie schlechte Laune hat. Sie sagte, dass sie der Freundin gerne helfen würde, aber sie wisse nicht wie.
 
Sommer 2002
Eva wurde 16. Sie lernte Oliver kennen – ihren erster Freund. Eva machte einen sehr glücklichen Eindruck.
 
Herbst 2002
Mit ihrem Freund Oliver hatte Eva ziemlich unerwartet Schluss gemacht. Den genauen Grund habe ich nie erfahren. Sie sagte nur, dass sie zueinander nicht passen würden. Danach hatte ich bei ihr immer öfter schlechte Launen beobachtet. Sie wurde leicht reizbar und wollte immer öfter nur allein sein. Ich machte mir große Sorgen, erklärte es mir aber mit der Pubertät.
 
Winter 2002/2003
Gespräche mit Eva wurden immer schwieriger. Jeder Versuch, sie dazu zu bringen, ein wenig ordentlicher sein, endete mit Streit. Sie sah ein, dass auch sie etwas zu Hause helfen müsste, fand aber keine Zeit dafür. Mit Vorliebe hockte sie alleine in ihrem Zimmer oder surfte und chattete im Internet, wobei ihr Interesse der schwarzen Szene (Gothik) galt. Des öfteren besuchte sie eine Diskothek, in der sich Leute aus dieser Szene gerne treffen. Nur bei den Gleichgesinnten, die sie dort kennen gelernt hat, fand sie Trost. Mit uns, den Eltern, verweigerte sie das Gespräch über ihre Probleme.
 
Frühjahr 2003
Der erster Schock kam, als ich die Wunden an ihrem linken Unterarm gesehen hatte. Es war mir bewusst, dass in dieser Situation keine Vorwürfe helfen können, dafür versuchte ich mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Wir fuhren in einen gemeinsamen Osterurlaub und machten einige Ausflüge. Meine Frau fand immer wieder blutige Taschentücher in ihrem Zimmer, während Eva sich immer mehr in lange Kleider hüllte. Der Klassenlehrer von Eva suchte ein Gespräch mit mir und sagte, dass sich Eva von der Klassengemeinschaft immer mehr abkapselte und ihre Noten immer schlechter würden. Es sei sehr schade um Eva, denn sie sei begabt und in der Schule sehr beliebt. Eva schrieb Gedichte, die sie im Internet veröffentlichte. Es sind sehr traurige Gedichte und Lieder über Verzweiflung und Einsamkeit.
 
Juni 2003
Ich hatte einen Termin bei der Familienberatungsstelle gemacht. Eva war bereit mitzugehen und hatte dann mehrere Wochen lang regelmäßig Gesprächstermine mit einer Psychologin gehabt. Wir hatten den Eindruck, dass es Eva wieder etwas besser ginge.
 
Sommer 2003
Eva fuhr nach Taizé (christlich-ökumenischer Jugendtreff in Frankreich). Sie war davon sehr begeistert. Wir hofften, dass es nun aufwärts gehen würde. Sie machte Schluss mit ihrem neuem Freund den sie in der „schwarzen“ Szene kennen gelernt hatte.
 
Winter 2003/2004
Wir entdeckten immer wieder neue Wunden bei Eva. Sie war oft sehr depressiv. In einem Magazin wurde eine Erzählung von Eva veröffentlicht, dass in einem Schreibwettbewerb den dritten Platz errungen hatte. Es ist eine Geschichte aus der Sicht einer jungen Frau, die sich sehr einsam fühlt, kein Lebensmut mehr hat und an Selbstmord denkt. Eva fühlte sich zu Hause immer mehr eingeengt. Sie empfand unsere Vorgabe um Mitternacht zu Hause zu sein, als sehr große Ungerechtigkeit und Freiheitsberaubung. Sie weigerte sich immer öfter in die Kirche zu gehen. Eva ging sehr oft in die „schwarze“ Diskothek. Danach machte sie oft einen zufriedenen Eindruck. Aber Tage später wurde sie um so depressiver. Ich begann mich intensiver mit dem Thema SVV (Selbstverletzendes Verhalten)zu beschäftigen und las viele Berichte von Betroffenen und Angehörigen im Internet. Danach erkundigte ich mich nach Therapie-Möglichkeiten.
 
März 2004
Nach der Rückkehr von einem Schüleraustausch in Frankreich, hatte Eva keine Lust gehabt zur Schule zu gehen und behauptete sich sehr unwohl zu fühlen. Ich drängte sie, zum Arzt zu gehen. Als sie vom Hausarzt eine Überweisung zum Psychiater bekam, habe ich mich sofort entschlossen fachliche Hilfe zu holen. Nach längeren Überlegungen und Recherchen rief ich in der Klinik in Bonn an und war ein wenig überrascht, dass ich bereits in 2 Tagen mit Eva dorthin kommen sollte. Ich hatte keine Ahnung was mich dort erwarten würde. Vorgestellt habe ich mir zunächst nur ein Gespräch und dann, irgendwann (hoffentlich bald), ein Therapieplatz für Eva. Am 18. März fuhren wir dann in die Klinik. Eva hatte dort ein längeres Gespräch mit der Ärztin, der sie ihre Selbstmordabsichten offenbart hatte. Evas Problem wurde als Notfall eingestuft und sie wurde sofort dort behalten. Vorerst kam sie in eine geschlossene Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
 
Schon am zweiten Wochenende durften wir Eva für 2 Tage nach Hause holen. Danach wurde sie in eine andere Gruppe verlegt. Dort gibt es mehr Freiheiten, wie Zugang zu Küche und freier Ausgang. Sie fühlt sich dort wohl. Neben Medikamenten bekommt sie Gesprächs- und Ergotherapien.
 
Am 3. Wochenende zu Hause äußerte Eva den Wunsch in „ihre“ Diskothek zu gehen. Wir empfanden es als falsch und nicht ratsam - wenigstens so lange sie sich in der Therapie befindet. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung. Später erfuhren wir, dass sie sich danach besonders stark verletzt hatte. Indirekt wurde in der Klinik mir und meiner Frau der Vorwurf gemacht, dass wir zu wenig Vertrauen zu Eva hatten und dadurch ihre Selbstverletzung provozierten.
 
Nach 5 Wochen in der Klinik verletzt sich Eva immer noch. Sie fing an gegen uns, die Eltern, zu kämpfen. Sie glaubt, dass es ihr ohne uns besser ginge. Sie will nach dem Klinikaufenthalt von zu Hause ausziehen. Anscheinend haben wir Eva mit unserer Liebe und Zuneigung doch zu sehr erdrückt.
 
18. April 2004
Nach einem Gespräch mit ihrem „großen“ Bruder, hat Eva mir versichert, dass sie es wieder mit uns versuchen wolle und bis zur Abitur zu Hause bleibe. Sie hat sich, ihrer Aussage nach, bei diesem Besuch zu Hause das erste mal nicht geschnitten. Ich schöpfte wieder vorsichtige Hoffnungen.
 
22. April 2004
bei einem erneuten Gespräch mit Evas Betreuer und der behandelnden Ärztin in der Klinik fühlte ich mich wie auf der Anklagebank. Es wurde bei mir der Eindruck erweckt, dass man mich bzw. meine Sorge um Eva für die Hauptursache ihrer Probleme hält.
Alles konzentrierte sich darauf, dass Eva von zu Hause ausziehen soll um Abstand von den Eltern zu bekommen. Meine Sorgen und Zweifel wurden mit Unverständnis begegnet, als ob man sich sicher wäre, dass die Probleme mit dem Auszug erledigt wären.
Ich hätte doch kein Problem mit Evas Auszug gehabt, wenn ich wüsste, dass sie mental stabil ist und in ihren depressiven Momenten sich nicht in die Welt der Illusionen in Form von Süchten, wie das Ritzen, flüchten würde. Ich wäre viel gelassener, wenn Eva mehr Lebensmut zeigen würde und mit ihren Misserfolgen anders umgehen könnte.
Evas Hauptproblem liegt, meiner Meinung nach, in ihrer „schwarz-weißen“ Sicht der Dinge.
Sie hat große Schwierigkeiten Kompromisse einzugehen. Ihre Erwartungen an Freundschaften, ihre eigenen Leistungen und Wünsche sind sehr hoch gesteckt. Irgendwelche Abstriche zu machen ist für sie nicht akzeptabel. Unter Kompromiss versteht sie nur, dass die Anderen nachgeben müssen. An sich selbst hasst sie, dass sie in vielen Dingen nur mittelmäßig ist. Sie hörte mit Musik und Sport auf, weil sie zwar gut aber nicht gut genug in ihren eigenen Augen war. Die eigene Unzufriedenheit projizierte sie dann auf uns, die Eltern, und hat sich selbst eingeredet, dass wir mit ihr nicht zufrieden sind. In ihrem Selbstmitleid hat sie sich so stark gesteigert, dass sie in ihrer nächsten Umgebung nur die eigene Probleme zu sehen begann. Einerseits liebt sie uns, anderseits versucht sie sich selbst und uns für ihr eigenes Leiden zu bestrafen. Dazu kommt, dass sie in ihrer pubertärer Phase unsere Angst und Sorge um sie zur Durchsetzung ihrer eigenen Wünschen nutzt.
 
Die nächsten Monate bleibt Eva wahrscheinlich noch in der Klinik. Mir bleibt nur darauf zu vertrauen und zu hoffen, dass wir mit Gotteshilfe und Hilfe der Zeit, der Fachleute in der Klinik schaffen, Eva zu helfen irgendwann ein „normales“ Leben zu führen.
 
03.05.2004
 
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